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Neues Gesicht im Professorium

Interview mit Professorin Linda Kuschel



Willkommen in Hamburg und an der Bucerius Law School! Sie haben zuletzt an der Humboldt-Universität zu Berlin gearbeitet. Welche Unterschiede fallen Ihnen hier als erstes auf?

 

Mir fällt sehr positiv auf, dass es kurze Wege und schnelle Arbeitsabläufe gibt. Das erleichtert den Arbeitsalltag einfach enorm. Wenn man irgendwas wissen möchte oder etwas braucht, hält man es fast immer kurze Zeit später in den Händen. Das ist an der HU naturgemäß anders – da muss man einfach größere Räder bewegen und es dauert manchmal, bis man Sachen hat. Ansonsten merke ich, wenn ich mit den Kollegen über den Campus gehe, dass sie die Studierende tatsächlich persönlich kennen. Das ist natürlich etwas Großartiges und kaum möglich, wenn pro Jahr um die 500 Leute anfangen.

 

Fallen Ihnen denn auch Nachteile auf?

 

Im Moment erkunde ich noch die Verbindung zur Uni Hamburg und zum Beispiel zum MPI. Natürlich ist es auf den ersten Blick ein Vorteil von Universitäten wie der HU, dass sie aus vielen verschiedenen Fakultäten bestehen, was Forschung und Lehre bereichert. Das hat eine Hochschule, die nur ein Fach vertritt, nicht. Aber ich glaube, dass sich das dadurch ausgleicht, dass es in Hamburg so viele andere Institutionen gibt, mit denen man zusammenarbeiten kann.

 

Wenn Sie es auf den Punkt bringen müssten: Was zeichnet die Law School als Hochschule aus?

 

Eine Sache, die wirklich ehemalig ist, ist das Auswahlverfahren für die Studierenden. Dabei durfte ich im Juli das erste Mal mitwirken. Es ist sehr durchdacht konzipiert und ein Aufwand, den eine staatliche Uni nicht leisten kann. Dann weiß man natürlich sofort, wie es die Law School schafft, so gute Studierende zu bekommen und gleichzeitig eine so interessante Komposition der Jahrgänge zu erreichen. Da ist dann viel Brainpower an einem Ort, das ist etwas Besonderes.

 

Und warum passen Sie gut an die Law School?

 

Ich habe das Gefühl, dass die Law School als eine so junge und dynamische Institution auch freudig ist, Neues zu versuchen. Das passt sehr gut zu dem Punkt, an dem ich gerade bin. Ich stehe noch am Anfang meiner Karriere, habe gerade meinen ersten Ruf erhalten. Mein Gefühl ist, dass Ideen hier auf fruchtbaren Boden fallen und dass man viel machen und ausprobieren kann. Das ist sehr inspirierend.

 

Sie haben eine Professur nicht nur für Bürgerliches Recht und Immaterialgüterrecht, sondern vor allem auch für „Recht und Digitalisierung“ übernommen. Welche Schwerpunkte wollen Sie in Ihrer wissenschaftlichen Arbeit setzen?

 

Das ist ein guter Punkt, denn Digitalisierung ist ja quasi überall (lacht). Ich bin auch nicht die Einzige, die sich hier mit Digitalisierung beschäftigt. Karsten Gaede zum Beispiel setzt sich unter strafrechtlichen Gesichtspunkten damit auseinander und Thilo Kuntz im Gesellschaftsrecht. Ich komme aus dem bürgerlichen Recht und beschäftige mich dort mit Digitalisierung. Im Moment setze ich mich mit der Frage auseinander, wie wir Konzepte, die größtenteils noch aus dem 19. Jahrhundert stammen, behutsam für Digitalisierungssachverhalte fortentwickeln können.

 

Ich habe mich in meiner Dissertation schon damit auseinandergesetzt, ob man den Eigentumsbegriff erweitern kann, um auch digitale Phänomene – in diesem Fall Werkexemplare – zu erfassen. Das ist ein Bereich, der mich immer noch beschäftigt. Ich arbeite etwa gerade an einem Aufsatz, der sich damit auseinandersetzt, inwieweit Besitzschutz auch gegen digitale Eingriffe schützt. Das wäre so ein Beispiel aus dem bürgerlichen Recht. Im Immaterialgüterrecht spielt Digitalisierung ja schon seit langem eine große Rolle.



Was sind denn insoweit zurzeit die großen Themen im IP-Recht?

 

Abstrakt gesprochen geht es vor allem um immer neue Technologien, die man versucht, einzuordnen und einzuhegen. Eine Sache, die im Moment viele Fachdisziplinen und auch das Immaterialgüterrecht beschäftigt, ist KI oder Machine Learning, vor allem im Hinblick auf die Frage, wie mit Werken umzugehen ist, die durch autonome Systeme geschaffen werden. Lässt sich das irgendwie unter dem Schöpferbegriff des Urheberrechts bzw. das Erfinderprinzip des Patentrechts fassen? Autonome Systeme kommen aber auch im Rahmen der Rechtsdurchsetzung, etwa in Form von Filtertechniken, zum Einsatz.

 

Wir müssen es irgendwie schaffen, dass diese Systeme möglichst nah an den gesetzlichen Wertentscheidungen bleiben. Damit hängt auch die – nicht ganz neue – Frage von Verantwortlichkeiten zusammen. Dass das auch ein gesellschaftlich spannendes Thema ist, hat man an der breiten Diskussion um Artikel 17 der DSM-Richtlinie gemerkt. Das Internet fordert das Urheberrecht im Grunde schon seit den 90er Jahren heraus. Damals ging es um P2P-Netzwerke und heute geht es um Online-Plattformen. Aber da ist immer noch Bewegung drin.

 

Planen Sie, das Thema Digitalisierung auch in der Lehre aufzugreifen?

 

Natürlich ist es für mich wichtig, den Aspekt Digitalisierung auch in der Lehre zu vertreten. „Digitalisierung“ ist aber, wie gesagt, ein sehr breites Thema. Wenn man in diesem Bereich also eine eigene Vorlesung machen möchte, die inhaltlich in die Tiefe geht, muss man sich einen konkreten Einzelbereich vornehmen. Aber ich glaube, dass man den Digitalisierungsaspekt auch ganz zwanglos in die Lehre einfließen lassen kann. Ich arbeite immer gerne anhand von Fällen. Warum also nicht einfach Fälle nehmen, die einen Digitalisierungsbezug haben?

 

Ich glaube, dass das auch im Examen zunehmend eine Rolle spielen wird, weil Fälle, die Richter auf den Tisch bekommen, ganz häufig einen digitalen Aspekt haben. Dann muss man auch die Technik dahinter verstehen, um rechtlich argumentieren zu können. Um genau das zu verbinden, bietet sich zum Beispiel das digitale Fallbuch an, weil man hier Content, der sich mit dem technischen Aspekt auseinandersetzt, gut unterbringen kann. Dann kann man zeigen: So ist es technisch und deshalb ergibt sich daraus ein rechtliches Argument.

 

Neben der Digitalisierung spielt auch das Thema Mooting an der Law School eine immer größere Rolle. Sie haben das Team der HU beim Price Moot, einem medienrechtlichen Moot Court in Oxford, gecoacht. Glauben Sie, dass Moot Courts in der juristischen Ausbildung sinnvoll sind?

 

Ja, definitiv. Es kostet natürlich Zeit und ich weiß noch, dass ich im Studium immer dachte, ich müsste möglichst schnell fertig werden und dann irgendwie ein gutes Examen schreiben. Aber rückblickend ist es egal, ob es ein oder zwei Semester länger dauert. Ich würde also jedem raten, die Möglichkeiten auszuschöpfen, die man im Studium hat. Mooting bringt wirklich wahnsinnig viel – für Teilnehmer und Coaches. Zum einen sind die großen Moot Courts alle auf Englisch, sodass man noch einmal lernt, englische Literatur zu lesen, auf Englisch zu schreiben und vor allem auch zu sprechen – und das auf einem enorm hohen Niveau. Wenn man das gut macht und sich intensiv vorbereitet, ist das rhetorische Training unglaublich wertvoll. Überhaupt wird das öffentliche Auftreten dabei geschult. Auch der Austausch mit den Studierenden vor Ort ist natürlich schön. Wir hatten damals das Glück, immer direkt nach Oxford fahren zu dürfen. Das ist schon etwas sehr Besonderes und man hat gemerkt, dass es auch den Studierenden gefallen hat.



Haben Sie schon einen Lieblingsort hier auf dem Campus gefunden?

 

Ich bin sehr gern hier draußen auf dem Campus. Ich habe zwar ein sehr schönes Büro, aber ich mag es zwischendurch auch mal, den Arbeitsort zu wechseln. Tatsächlich setze ich mich auch ganz gern mal in die Bibliothek. Das ist natürlich etwas ironisch, dass ich diese analogen Bücher so mag (lacht), aber ich finde es irgendwie schön, von so viel Wissen umgeben zu sein, und mag auch die arbeitsame Atmosphäre dort.

 

Wo trifft man Sie in Hamburg, wenn Sie nicht gerade auf dem Campus sind?

 

Im Moment verbringe ich viel Zeit mit meiner Tochter auf irgendwelchen Spielplätzen. Ansonsten bin ich noch dabei, den Stadtteil, in dem wir jetzt wohnen, zu erkunden – das ist nicht weit weg von der Alster und unheimlich schön. Was ich an Berlin so mochte, war unter anderem die so dynamische Kulturszene und ich denke, dass Hamburg da auch viel zu bieten hat. Ich habe für den Einstieg von meinem Freund einen Gutschein für die Kunstmeile bekommen, also wird man mich auch in den Hamburger Museen antreffen. Darauf freue ich mich.


Nico Schröter (Jg. 2009)


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